Umfrage unter ZDB-Mitgliedsbetrieben zeigt grundsätzlichen Reformbedarf auf



Eine praxisgerechte Baunormung ist für alle am Baugeschehen Beteiligten von großer Bedeutung. Die Baunormung stellt die gemeinsame Sprache der am Planungs- und Bauprozess Beteiligten dar. Die anerkannten Regeln der Technik spiegeln sich weitestgehend in der Baunormung wider. Somit stellt die Baunormung nicht nur den technischen, sondern auch den wirtschaftlichen und juristischen Rahmen für das Baugeschehen dar. Deshalb sind die Qualität, aber auch die Praxisorientierung der Baunormung für alle am Bauprozess Beteiligten von größter Bedeutung.

Anforderungen an eine praxisgerechte Baunormung

Die Baunormung darf keine Plattform für die Vertretung von Einzelinteressen oder die Erprobung wissenschaftlicher Forschungen darstellen. Vielmehr soll sie in knapper Form die notwendigen Regelungen zur sicheren, dauerhaften und wirtschaftlichen, kurzum zur nachhaltigen Ausführung von Bauwerken enthalten.

Die Kunst einer baupraxisgerechten Normung liegt gerade in der Beschränkung auf das Sinnvolle und nicht in der Regelung des Letztmöglichen. Wahre Ingenieurkunst beweist sich darin, in der Realität äußerst komplexe Strukturen auf praktikable, aber zugleich hinreichend genaue mechanische Modelle zu reduzieren. Hieraus resultiert im Idealfall eine Baunormung, die sich für alle Beteiligten wie ein verständlicher Leitfaden für die Errichtung von Bauwerken liest.

Im Einzelnen definieren sich die Anforderungen an eine praxisgerechte Baunormung wie folgt:

• Normung von Bauprodukten

Bauherren, Verbraucher und ausführende Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass die Qualität von Bauprodukten ihrem Verwendungszweck entspricht. Es ist unabdingbar, maßgebende Eigenschaften wie Abmessungen, Maßtoleranzen, Festigkeiten und bauphysikalische Kennwerte von Bauprodukten zu normieren. Aus unterschiedlichen Anwendungsbereichen resultieren unterschiedliche Anforderungen an die Materialien. Beispielsweise muss ein Klinkerziegel für ein Fassadensichtmauerwerk frostbeständig sein, ein Hintermauerziegel hingegen nicht. Eine praxisgerechte Materialnormung muss diese unterschiedlichen Anforderungen in Form von Leistungs- oder Güteklassen bzw. Mindeststandards widerspiegeln.

• Normen zur Planung und Ausführung

Fast alle Bauvorhaben stellen Unikate dar, deren Planung und Ausführung nicht durch Prototypen oder Vorserien optimiert werden kann. Deshalb muss bereits der „erste Wurf“ der Planung und Ausführung eines Bauvorhabens gelingen. Es gilt, eine Vielzahl von Bauteilen aus unterschiedlichsten Materialien und Konstruktionsarten zu einem dauerhaft funktions- und gebrauchstüchtigen Bauwerk zusammen zu fügen.

Im Einzelnen gilt es der Statik, der Bauphysik (Feuchte-, Wärme-, Kälte- Schall- und Brandschutz), optischen Anforderungen und der Nachhaltigkeit des Bauwerks Rechnung zu tragen. Hierfür sind der Planung sowie der Bauausführung praktikable technische Regelungen an die Hand zu geben, die insbesondere die aus den sehr unterschiedlichen Einzelanforderungen resultierende Komplexität der Gesamtkonstruktion berücksichtigen müssen.
Somit muss bei der Regelung einzelner Anforderungen der Blick auf das Ganze gerichtet sein. Es darf nicht sein, dass bezüglich einer Einzelanforderung der Stand der Wissenschaft zur Messlatte erhoben wird, ohne die vielschichtigen übrigen Anforderungen an das Bauwerk sowie an die Wirtschaftlichkeit der Gesamtkonstruktion im Auge zu behalten.

Die einzelnen Fachnormen sind deshalb so übersichtlich und knapp wie möglich zu gestalten. Maxime der Baunormung muss es sein, die Anforderungen an die Baukonstruktionen auf einem technisch sowie wirtschaftlich sinnvollen Niveau zu regeln.

Situationsanalyse

In jüngster Zeit mehren sich kritische Stimmen, die eine immer mehr der Praxis entrückte Baunormung beklagen. Dazu gehören der ausufernde Umfang der Normung, der den Beteiligten einen Überblick nahezu unmöglich macht, wie auch die immer kürzer werdende Normungszyklen. Nicht nur die bloße Anzahl von über 3.000 Baunormen, sondern auch der ständig anschwellende Umfang der einzelnen Normen macht einen Überblick über die Baunormung selbst Normungsexperten nahezu unmöglich.

Der Nutzen der immer komplexer werdenden Regelungen wird kritisch hinterfragt, da nach Beobachtungen aus der Praxis hierdurch weder signifikant wirtschaftlichere noch leistungsfähigere oder dauerhaftere Konstruktionen erzielt werden. Vor diesem Hintergrund hat der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes unter seinen Mitgliedsbetrieben eine Umfrage zum Thema „Mittelstandsgerechte Normung“ durchgeführt

Umfrage zur Baunormung

Das Deutsche Baugewerbe die Baunormung betrachtet als wesentliches Hilfsmittel. Sie wird als ein geeignetes Instrument angesehen, Innovationen nach einer ausreichenden Praxiserprobung als allgemein gültige Regeln zu verankern. So das Resümee der Umfrage. Die europäische Normung von Bauprodukten wird hingegen von einer großen Mehrzahl der befragen Betrieben negativ beurteilt. Ursache ist die in den europäischen Material normen oftmals fehlende oder in Bezug auf hiesige Verhältnisse und Anforderungen impraktikable Festlegung von Mindeststandards und -güten. Grundsätzlich muss wegen der unterschiedlichen bauaufsichtlichen Anforderungen, den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen und den unterschiedlichen Bauweisen in den einzelnen EUMitgliedsstaaten die Normung der Bauausführung den einzelnen Mitgliedsstaaten vorbehalten bleiben.

Eine erhebliche Anzahl der befragten Unternehmen sieht die Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 nicht als geeignetes Instrument an, die energetische Gebäudesanierung im notwendigen Maße zu fördern. Dies gilt insbesondere für die mit der EnEV verbundenen Normen und Nachweisverfahren. Allein die DIN V 18599 „Energetische Bewertung von Gebäuden“ umfasst derzeit mehr als 800 Seiten, wobei diverse weitere Normen zum Nachweisverfahren heranzuziehen sind.

Äußerst alarmierend ist, dass 80 % der befragten Unternehmen ihren Prüf- und Hinweispflichten gemäß VOB im Hinblick auf statisch-konstruktive Belange nicht ausreichend nachkommen können. Ursache dafür ist eine nicht praxisgerechte Normung, die die Tragwerksplanung auch für qualifizierte und oftmals bauvorlageberechtigte Baupraktiker zum „Buch mit sieben Siegeln“ werden lässt. Die über Jahrzehnte bewährten Bemessungsnormen für Konstruktionen aus Mauerwerk, Beton, Stahlbeton, Holz und Stahl wurden durch äußerst komplexe Berechnungsformeln ersetzt, denen eine semiprobalistische Sicherheitsphilosophie zu Grunde liegt. Für übliche Bauwerke des Hoch- und Tiefbaus ist diese Art von Normung schlicht und ergreifend
als unverhältnismäßig komplex zu beurteilen.
Da die Mehrzahl der ausführenden Unternehmen die tragwerksplanerischen Anforderungen nicht mehr nachvollziehen kann, wird durch die nicht-praxisgerechte Normung auch die Sicherheit unserer Bauwerken in Frage gestellt.

Forderungen des Deutschen Baugewerbes an eine zukünftige Baunormung

  • • Die Baunormung ist praxisgerecht zu gestalten
  • • Für Bauprodukte müssen Mindestanforderungen und -güten normiert sein. Diesbezüglich mangelhafte europäische Normen müssen überarbeitet oder durch nationale Normen ersetzt werden.
  • • Für übliche Hochbauten sind handhabbare Bemessungsnormen mit globalen Sicherheitsbeiwerten (wieder) einzuführen.

  • • Normen zur Bauausführung sollten sich inhaltlich auf die wesentlichen Anforderungen und Ausführungsweise beschränken.
  • • Das Anforderungsniveau in der Baunormung ist allgemein unter Gesichtspunkten der Verhältnismäßigkeit, Praktikabilität, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zu überprüfen.
  • • Die energetische Gebäudemodernisierung stößt bei einem zu hohen Anforderungsniveau an technische und wirtschaftliche Grenzen. Eine nochmalige Verschärfung der Anforderungen ist deshalb als kontraproduktiv abzulehnen.
  • • Die Nachweisverfahren zur EnEV sind praxisgerechter zu gestalten und in einer Norm mit deutlich weniger als 800 Seiten Umfang zu bündeln.

Beitrag von Dipl.-Ing. Michael Heide, Geschäftsführer Unternehmensentwicklung im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes

Autor:
Holzi am 06. Jul. 2009 um 04:57 Uhr
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