Naturschutz, Gemeinden und Forst im Urwald-Dialog



Rund 70 Fachleute sind am Dienstag in Stuttgart zum „Urwald-Dialog“ zusammengekommen. Vertreterinnen und Vertreter aus Forstwirtschaft, Verwaltung und Wirtschaft sowie Naturschutz haben sich auf Einladung des NABU Baden-Württemberg mit dem Thema „Urwald“ auseinandergesetzt. Dabei ging es jedoch nicht um die Urwälder Brasiliens oder Kanadas, sondern um den Wald in Baden-Württemberg.
Sonnenaufgang im Wald mit Buchen
„Echte Urwälder gibt es bei uns natürlich schon lange nicht mehr. Gerade deswegen ist es aber so wichtig, dass wir der Natur ein Stück ihrer Ursprünglichkeit zurückgeben. Vielen bedrohten Arten kann nur dadurch geholfen werden“, sagt der NABU-Landesvorsitzende Andre Baumann. „Nachdem Forstwirtschaft und Naturschutz jahrelang um Flächenstilllegungen im Wald gezankt haben, ist es uns wichtig mit dem Urwald-Dialog einen konstruktiven und dialogorientierten Akzent zu setzen. Die positive Resonanz der Teilnehmerinnen und Teilnehmerinnen zeigt, dass wir auf dem richtigen Kurs sind.“

Schon 2007 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Fünf-Prozent-Ziel formuliert. Danach sollen sich fünf Prozent der Waldfläche in Deutschland bis zum Jahr 2020 auf natürliche Weise, ohne lenkende Eingriffe des Menschen in Richtung Urwald entwickeln dürfen. Diese Zielsetzung hat auch die baden-württembergische Landesregierung in ihrer Naturschutzstrategie festgeschrieben. „Derzeit liegen die fünf Prozent allerdings noch in weiter Ferne. Gerade einmal 1,5 Prozent des Waldes im Land dürfen sich bisher dauerhaft frei entwickeln“, zitiert NABU-Waldreferent Johannes Enssle die jüngsten Zahlen der Bundeswaldinventur.

„Um auf die fünf Prozent ‚Urwald von morgen‘ zu kommen, braucht es noch ungefähr 40.000 Hektar. Das entspricht etwa vier Nationalparks“, erläutert Enssle die Dimension der Herausforderung. Allerdings ginge es jetzt weniger um Flächen in der Größe eines Nationalparks, sondern vor allem um kleinere Areale, die wesentlich leichter zu finden seien. Dass das in der Praxis möglich sei, zeigten schon heute zahlreiche Gemeinden in Baden-Württemberg, die bereits ein so genanntes Alt- und Totholzkonzept umsetzen und neben einzelnen Bäumen auch kleine Waldflächen von mindestens einem Hektar Größe auf Dauer aus der Nutzung nehmen.

Da solche Maßnahmen im Privat- und Kommunalwald auf Freiwilligkeit beruhen, ging es bei der Urwald-Tagung auch um die Frage, welche Anreize für Waldbesitzende geschaffen werden können. So berichteten die Referenten von der Nutzung des Ökokontos, mit dem zum Beispiel der Bau eines Windrads als Eingriff in die Natur durch Urwald-Inseln im Kommunalwald ausgeglichen werden kann. Aus Rheinland-Pfalz brachte der Förster und Buchautor Peter Wohlleben erfolgreiche Beispiele mit, wie Urwald-Flächen im Gemeindewald mit Hilfe von Waldfriedhöfen oder als Sponsoring-Projekte der Wirtschaft auch monetär in Wert gesetzt werden können.

Erfreut zeigt sich der NABU über die Ergebnisse einer Umfrage des NABU, an der im Sommer fast die Hälfte aller waldbesitzenden Kommunen im Land teilgenommen hat. Die Umfrageergebnisse machen deutlich, dass die Bereitschaft bei den Kommunen insgesamt groß ist, sich für den Urwald von morgen einzusetzen. Beispielsweise wären 80 Prozent der waldbesitzenden Kommunen grundsätzlich daran interessiert, Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen im Wald durchzuführen und dafür Ökopunkte zu erhalten. Immerhin die Hälfte würde auch die Ausweisung von Waldrefugien, also kleiner Urwald-Inseln im Wald, in Erwägung ziehen. Und immerhin ein Fünftel könnte sich sogar vorstellen, größere Flächen als Bannwälder zur Verfügung zu stellen.

Hintergrund: Projekt „Lust auf Urwald?“

Die Veranstaltung „Urwald-Dialog“ fand im Rahmen des Projekts „Lust auf Urwald?“ statt. Das Projekt ist im September 2013 angelaufen. Es zielt darauf ab, mittels Ökokonten, Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sowie über Sponsoring-Projekte die Ausweisung von Bannwäldern und Waldrefugien gemeinsam mit Kommunal- und Privatwaldbesitzerinnen und -besitzern zu realisieren. Dadurch soll ein Beitrag zu Förderung und Erhalt der an die Alters- und Zerfallsphasen des Waldes gebundenen Artenvielfalt geleistet werden. Innerhalb des Projekts hat der NABU u. a. eine Umfrage unter baden-württembergischen Kommunen durchgeführt sowie die Broschüre „Lust auf Urwald?“ erstellt, die sich an kommunale und private Waldbesitzer und -besitzerinnen sowie Unternehmen richtet. Finanziell unterstützt wird das Projekt durch die Stiftung Naturschutzfonds, gefördert aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspirale.
Mehr: www.NABU-BW.de/lust-auf-urwald

Autor:
Holzi am 12. Nov. 2014 um 11:13 Uhr
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